mesoamerikanische Hochkulturen


mesoamerikanische Hochkulturen
mesoamerikanische Hochkulturen,
 
die vorspanischen indianischen Hochkulturen im Gebiet von Mesoamerika. Hier hat sich etwa seit 2500 v. Chr. eine gemeinsame kulturelle Tradition herausgebildet. Dabei war das westliche Mesoamerika von mehreren unterschiedlichen Kulturen im Laufe der Entwicklung geprägt, während der östliche und südliche Teil von der verhältnismäßig einheitlichen Mayakultur beherrscht wurde.
 
Die gemeinsamen Merkmale der mesoamerikanischen Hochkulturen finden sich sowohl im gesellschaftlichen wie im geistig-religiösen Bereich, in der Kunst und in den materiellen Hinterlassenschaften. Dazu gehören ein streng hierarchisch gegliedertes Gesellschaftssystem mit intensivem Feldbau (Mais, Bohnen, Chili) als Wirtschaftsgrundlage, das in den Steininschriften und Bilderhandschriften festgehaltene Kalendersystem (52-Jahre-Zyklus, der sich aus der Kombination des 365-tägigen Sonnenjahres mit dem 260-tägigen rituellen Jahr ergibt), die damit verbundene Wahrsagerei, die Verwendung der in verschiedenen Formen und Entwicklungsstadien ausgebildeten Hieroglyphenschrift sowie Grundzüge ihres Weltbildes und ihrer Religion mit einer Vielzahl von Göttern. Die zentralen Figuren unter den Göttern wie Quetzalcóatl, der Regengott (Chac bei den Maya, Tlaloc bei den Azteken), der Maisgott, Todesgott oder Sonnengott wurden ebenso vielfältig verehrt und in der Kunst dargestellt wie Tiergestalten aus der Mythologie (Jaguar, Schlange, Erdungeheuer u. a.). Weitere Merkmale sind der in den Zeremonialzentren in unterschiedlicher Form vorhandene Ballspielplatz, die Stufenpyramide, der aus Pyrit und Obsidian hergestellte Spiegel, die Verwendung von Stuck und Zement in Architektur und Kunst, der Nagualismus (Alter-Ego-Vorstellung) und die Ämterrotation im Cargosystem (einem System politischer und religiöser Ämter, das durch eine Ämterhierarchie und durch einen meist jährlichen Wechsel der Amtsinhaber gekennzeichnet ist). Einige dieser Merkmale haben sich bis in die Gegenwart in den indianischen Kulturen erhalten.
 
Die Geschichte der mesoamerikanischen Hochkulturen ist nur zu einem geringen Teil aus schriftlichen Zeugnissen der indianischen Völker und der spanischen Eroberer zu erschließen. Archäologische und sprachwissenschaftliche Untersuchungen erweitern ständig die Kenntnisse und differenzieren die Datierungen.
 
Der Beginn der hochkulturellen Entwicklung wird etwa mit der frühpräklassischen Periode (2500-1000 v. Chr.) angesetzt (älteste, auch figürliche Keramik). Den ersten kulturellen Höhepunkt erreichte Mesoamerika durch die Olmeken in der mittelpräklassischen Periode (1000-300 v. Chr.). Auf diese Zeit gehen die typischen Merkmale der klassischen mesoamerikanische Hochkulturen zurück: Tempelpyramiden, schematisch angelegte Kultplätze, das System der Gottheiten, Kalender und Schrift. In der spätpräklassischen Periode (300 v. Chr.-250 n. Chr.) begann die Entwicklung der Zentren im Hochland von Mexiko, so Cuicuilco und Teotihuacán, Letzteres wurde beherrschend in der frühklassischen Periode (200-600). Sein Einfluss reichte bis nach Guatemala und ist auch bei den Maya erkennbar, die ab 300 ihre Stadtkultur ausbildeten. Etwa gleichzeitig erreichte das Reich der Zapoteken mit dem Mittelpunkt Monte Albán seine höchste Blüte. Die spätklassische Periode (600-900) begann mit dem Zusammenbruch des Reiches von Teotihuacán; an seine Stelle traten zahlreiche Kleinstaaten (z. B. Cholula), führend an der Golfküste war El Tajín. Die Zentren der Mayakultur waren zunächst davon kaum berührt. Mit dem Zusammenbruch von Monte Albán und der (ungeklärten) Aufgabe der südlichen Mayastädte war auch die klassische Zeit der mesoamerikanischen Hochkulturen zu Ende. Die frühnachklassische Periode (900-1200) ist die Zeit der Tolteken und der Maya von Yucatán (Zentrum: Chichén Itzá). Um 1000 begann der Aufstieg der Mixteken, die u. a. durch Bearbeitung von Metall und Halbedelsteinen die Weiterentwicklung der mesoamerikanischen Hochkulturen beeinflussten. In der spätnachklassischen Periode (1200-1520) wurde durch das Vordringen der Chichimeken die Herrschaft der Tolteken zerstört. Das letzte großräumige Reich der m. H. schufen im 14./15. Jahrhundert die Azteken, die damit die Kämpfe rivalisierender Kleinstaaten beendeten. Ihre Hauptstadt Tenochtitlán war die größte Stadt des vorkolumbischen Amerika. Zur Zeit der spanischen Eroberung bestanden daneben noch Zentren der Mixteken, Zapoteken, Quiché, Cakchiquel, Yukateken, Totonaken, Huaxteken, Pipil und Nicarao.
 
 
Höhepunkte der Monumentalarchitektur finden sich in der klassischen Zeit im Hochtal von Mexiko (Teotihuacán), im Gebiet von Oaxaca (Monte Albán), sowie im Mayagebiet (Tikal, Copán u. a.). Die Baukunst erfuhr in nachklassischer Zeit u. a. durch die Mixteken in Mitla, die Tolteken in Tula und Chichén Itzá und die Azteken in Tenochtitlán eine neue Blüte. In der Bildhauerkunst setzten schon die Kolossalköpfe der Olmeken bedeutende künstlerische Maßstäbe (La Venta, San Lorenzo); weitere Höhepunkte waren die Masken, Reliefs und Bauornamente in Teotihuacán sowie die Stelen und Altäre der Maya, die mit bildlichen Darstellungen und der hoch entwickelten Hieroglyphenschrift geschmückt wurden. Die Tolteken schufen Monumentalfiguren, die Azteken stilisierte Götterstatuen und realistische Bildwerke aus Stein von Mensch und Tier. Die Metallverarbeitung (v. a. Gold) breitete sich erst im 10. Jahrhundert aus. Die besten Goldarbeiter, vertraut mit Guss und Legierung, waren die spezialisierten Kunsthandwerker der Mixteken. Erst kurz vor der spanischen Eroberung findet sich Bronze. Höhepunkte der Keramik sind die figürlichen Graburnen der Zapoteken, die bemalten Gefäße der Maya sowie stuckierte Dreifußgefäße aus Teotihuacán. Menschen- und Tierfiguren, auch ganze Figurengruppen, zum Teil mit Modeln geformt, wurden besonders in Westmexiko hergestellt (Nayarit). Malerei findet sich außer auf den Tongefäßen auch in den Fresken von Teotihuacán, Cacaxtla und Bonampak. In klassischer und nachklassischer Zeit entstanden figürlich und mit Hieroglyphenschrift bemalte Bilderhandschriften. Gegenstände aus Holz, Federn sowie Textilien sind wegen des feuchten Klimas nur spärlich erhalten.
 
Die Schriftsysteme der mesoamerikanischen Hochkulturen bestehen aus Hieroglyphen in verschiedenen Formen und Entwicklungsstufen. Am besten bekannt sind die Schriftsysteme der Azteken und Maya. Die aztekischen Hieroglyphen bestehen vornehmlich aus Ideogrammen, denen phonetische Zeichen beigefügt werden, um eventuelle Mehrdeutigkeiten zu vermeiden. Das komplizierte System der Maya fügte meist mehrere Hieroglyphen - ein oder zwei Hauptzeichen und ein oder mehrere Nebenzeichen und gegebenenfalls Zahlenkoeffizienten - in einem Hieroglyphenblock (einem quadratischen oder rechteckigen Feld) zusammen. Ein Hieroglyphenblock ist optisch vom nächsten durch einen Zwischenraum getrennt, manchmal auch von einer Kartusche umrahmt. Die Hieroglyphen kommen in vielen Gestalten vor, meist sind es abstrakte Formen aus geschwungenen Linien, häufig aber auch Gesichter (Mensch oder Tier) oder andere erkennbare Gegenstände. Die Hieroglyphenschrift der Maya ist vermutlich ein Mischsystem aus Ideogrammen und Silbenphonogrammen. Ideogramme haben zudem auch häufig eine phonetische Bedeutung. Es gibt etwa 750 Hieroglyphen, von denen zurzeit etwa 300 entziffert sind. Die Entzifferung orientiert sich zunächst an der Struktur der in jeder Inschrift vorhandenen Kalenderdaten. In der Regel bestehen die einzelnen Aussagenblöcke einer Inschrift aus einem Datum und einem ihm zugeordneten nichtkalendarischen Abschnitt, dazu Hinweise aus der Ikonographie. Die kalendarischen Abschnitte enthalten Hieroglyphen für Zahlen, Tage, Monate und diverse kalendarische und astronomische Zyklen. Die Hieroglyphen der nichtkalendarischen Abschnitte umfassen Themen wie Geburt, Verwandtschaftsbeziehungen, Thronbesteigungen, Blutopferriten und Tod. Ferner gibt es den Komplex der nominalen Hieroglyphen, bei dem es sich um Personennamen, Ehrentitel, Ortsnamen und demgleichen handelt.
 
 
C.-F. Baudez u. P. Becquelin: Die Maya (a. d. Frz., 1985);
 
Das alte Mexiko, hg. v. H. J. Prem u. a. (1986);
 I. Bernal y García Pimentel u. M. Simoni-Abbat: Mexiko (a. d. Frz., 1987);
 H. J. Prem: Gesch. Altamerikas (1989).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Aztekenreich, seine Vorgänger und Nachbarn: Pyramiden und Menschenopfer
 
Maya: Städte und Tempel
 
Altamerika: Glyphen und Kalender
 
Altamerika: Lebens- und Kulturräume
 
altamerikanische Kulturen: Ihre Entwicklung
 
Monte Albán und seine Grabkammern
 
Olmeken und die Anfänge Mesoamerikas
 
Teotihuacán: Stadt der Götter
 

Universal-Lexikon. 2012.

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